Wenn Führungskräfte immer gewinnen wollen

Wer als Führungskraft jede Diskussion gewinnen will, riskiert am Ende mehr zu verlieren als nur die Zustimmung seines Teams. Gute Führung zeigt sich darin gemeinsam zu besseren Entscheidungen zu kommen.

Vielleicht kennst Du solche Situationen aus Deinem Führungsalltag.
Du hast eine Idee und bist überzeugt, dass sie die beste ist.
In einer Diskussion merkst Du, dass Du unbedingt recht behalten möchtest.
Im Meeting willst Du Deinen Vorschlag durchbringen. Oder Du ertappst Dich dabei, wie Du einem anderen beweisen möchtest, dass Deine Einschätzung von Anfang an richtig war.
Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches.
Gerade Menschen, die Verantwortung übernehmen und beruflich erfolgreich sind, haben häufig gelernt, sich durchzusetzen. Sie sind ehrgeizig, leistungsorientiert, treffen Entscheidungen und verfolgen ihre Ziele konsequent.
Genau diese Eigenschaften können wesentlich dazu beigetragen haben, dass sie heute eine Führungsposition innehaben.
Doch irgendwann verändert sich etwas.
Mit zunehmender Verantwortung verändert sich das Spiel
Was Dich als Fachperson oder auf dem Weg in eine Führungsposition erfolgreich gemacht hat, muss Dich nicht automatisch auch zu einer wirksamen Führungskraft machen.
Nehmen wir eine einfache Situation.
Ein Mitarbeitender schlägt im Gespräch eine andere Lösung vor als Du. Ihr diskutiert. Du hast mehr Erfahrung, kennst viele Zusammenhänge und könntest Deine Position aufgrund Deiner Rolle problemlos durchsetzen.
Also gewinnst Du die Diskussion.
Aber was genau hast Du gewonnen?
Und noch wichtiger:
Was ist dabei möglicherweise verloren gegangen?
Vielleicht zieht sich Dein Mitarbeitender beim nächsten Mal schneller zurück.
Vielleicht bringt er seine Ideen weniger engagiert ein.
Vielleicht wartet er künftig lieber darauf, was Du entscheidest.
Du hast Dich durchgesetzt, gleichzeitig aber möglicherweise genau das geschwächt, was Du als Führungskraft eigentlich brauchst:
Menschen, die mitdenken, Verantwortung übernehmen und Dir auch widersprechen.
Was ist das Problem Nr. 1 einer Führungskraft?
Aus meiner Sicht liegt ein zentrales Problem aber darin, die eigene Wirkung mit der eigenen Leistung zu verwechseln.
Viele Führungskräfte sind gerade deshalb in ihre Position gekommen, weil sie Probleme lösen, Entscheidungen treffen und Ergebnisse erzielen können. In Führung reicht das irgendwann nicht mehr.
Die entscheidende Frage lautet zunehmend nicht mehr:
«Was kann ich selbst leisten?»
Sondern:
«Was ermögliche ich anderen zu leisten?»
Wer weiterhin jede wichtige Lösung selbst liefern, jede Diskussion entscheiden und bei jeder Frage recht haben möchte, kann ungewollt genau das verhindern, was gute Führung eigentlich erreichen sollte:
Selbstständigkeit, Verantwortung und gute Entscheidungen im Team.
Recht haben und richtig entscheiden sind zwei verschiedene Dinge
Besonders deutlich wird das in Geschäftsleitungen und Führungsteams.
Wenn jeder versucht, seine eigene Position zu verteidigen, entstehen schnell Diskussionen, in denen es irgendwann weniger um die Sache als um die Frage geht, wer sich durchsetzt.
Dabei sollte eine Geschäftsleitung eigentlich ein anderes Ziel verfolgen:
Nicht meine Idee soll gewinnen.
Die beste Entscheidung für das Unternehmen soll gewinnen.
Das klingt selbstverständlich. Im Alltag ist es das nicht.
Denn dafür muss ich bereit sein, meine eigene Position ernsthaft infrage stellen zu lassen. Ich muss zuhören können, obwohl ich bereits eine Meinung habe. Und ich muss akzeptieren können, dass jemand anderes mit seiner Einschätzung richtig liegt.
Gerade für Menschen, die gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, kann das anspruchsvoller sein, als es zunächst klingt.
Was sind die 5 Säulen einer guten Führungskraft?
Auch dafür gibt es unterschiedliche Modelle. Für meine Arbeit mit Führungskräften sind fünf Dinge besonders entscheidend:
Klarheit:
Menschen müssen verstehen, wohin es geht, was von ihnen erwartet wird und woran Entscheidungen ausgerichtet werden.
Vertrauen:
Verantwortung entsteht dort, wo Menschen Handlungsspielraum bekommen und nicht bei jedem Schritt kontrolliert werden.
Selbstreflexion:
Gute Führung beginnt mit der Bereitschaft, das eigene Verhalten und die eigene Wirkung kritisch zu betrachten.
Dialog:
Führung braucht unterschiedliche Perspektiven, Widerspruch und die Fähigkeit, wirklich zuzuhören.
Verantwortung:
Am Ende muss jemand entscheiden und für die Konsequenzen dieser Entscheidung einstehen.
Diese fünf Säulen widersprechen sich manchmal sogar.
Vertrauen bedeutet beispielsweise nicht, Verantwortung abzugeben.
Dialog bedeutet nicht, endlos zu diskutieren.
Und Klarheit bedeutet nicht, dass die Führungskraft immer recht haben muss.
Genau diese Spannungsfelder machen Führung anspruchsvoll.
Gute Führung bedeutet nicht, keine Position zu haben
Es geht keineswegs darum, als Führungskraft ständig nachzugeben.
Führung braucht Klarheit. Sie braucht Standpunkte, Diskussionen und manchmal auch Entscheidungen, die nicht allen gefallen.
Am Ende trägt eine Führungskraft Verantwortung.
Und diese Verantwortung lässt sich nicht einfach an das Team delegieren.
Der entscheidende Unterschied liegt für mich woanders:
Vertrete ich meine Position, weil ich sie nach Abwägung der Argumente weiterhin für richtig halte? Oder verteidige ich sie inzwischen vor allem deshalb, weil es meine Position ist?
Diese Frage kann unangenehm sein.
Aber gerade deshalb lohnt es sich, sie gelegentlich zu stellen.
Was sollte man als Führungskraft nicht tun?
Eine Führungskraft sollte vor allem vermeiden, ihre hierarchische Position mit der besseren Antwort zu verwechseln.
Wer Diskussionen durch Autorität beendet, Fehler nicht eingestehen kann, andere Meinungen persönlich nimmt oder gute Ideen danach beurteilt, von wem sie stammen, bekommt möglicherweise kurzfristig Ruhe.
Langfristig kann aber etwas anderes passieren:
Die Menschen lernen, wann sich Widerspruch nicht lohnt.
Und genau das ist gefährlich.
Denn irgendwann hört eine Führungskraft nur noch das, was sie hören möchte.
Der vielleicht schwierigste Satz einer Führungskraft
Es gibt einen Satz, der erstaunlich viel Führungsstärke zeigen kann:
«Du hast recht. Deine Lösung ist besser als meine.»
Eigentlich ein einfacher Satz.
Trotzdem fällt er manchen Führungskräften schwer. Denn er verlangt, dass wir für einen Moment auf einen persönlichen Sieg verzichten.
Die Wirkung kann dafür umso grösser sein.
Ein Mitarbeitender erlebt, dass seine Meinung tatsächlich zählt.
Ein Führungsteam merkt, dass Widerspruch erwünscht ist.
Menschen übernehmen eher Verantwortung, wenn sie erleben, dass ihre Ideen nicht nur angehört, sondern ernsthaft geprüft werden.
Was sind die 10 Regeln guter Führung?
Ich bin bei allgemeingültigen Führungsregeln eher zurückhaltend. Führung hängt immer auch von Menschen, Situation und Kontext ab. Trotzdem gibt es zehn Grundsätze, die sich aus meiner Sicht als Orientierung eignen:
Schaffe Klarheit, bevor Du Ergebnisse erwartest.
Höre zu, bevor Du entscheidest.
Trenne die Qualität einer Idee von der Person, die sie äussert.
Fordere Widerspruch ein, statt nur Zustimmung zu suchen.
Gib Verantwortung dorthin, wo sie sinnvoll übernommen werden kann.
Sprich Probleme an, auch wenn es unangenehm ist.
Stehe zu Deinen Entscheidungen und zu Deinen Fehlern.
Kontrolliere nicht das, was Du eigentlich delegiert hast.
Miss Deine Führungsleistung nicht daran, wie oft Du recht hattest.
Stelle den gemeinsamen Erfolg über den persönlichen Sieg.
Der letzte Punkt bringt für mich vieles zusammen.
Denn Führung verändert die Bedeutung von Erfolg.
Vom persönlichen Gewinnen zum gemeinsamen Erfolg
Am Anfang unserer beruflichen Laufbahn werden wir häufig daran gemessen, was wir selbst leisten. Wir lösen Probleme, erzielen Ergebnisse, entwickeln Ideen und zeigen Kompetenz.
Mit zunehmender Führungsverantwortung verschiebt sich dieser Massstab.
Dann geht es immer weniger darum, selbst die beste Antwort zu haben. Entscheidend wird vielmehr, ob es gelingt, ein Umfeld zu schaffen, in dem andere ihre Fähigkeiten einbringen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam gute Lösungen entwickeln können.
Die eigene Wirksamkeit entsteht dann zunehmend durch die Wirksamkeit anderer.
Oder anders gesagt:
Gewinnen hat Dich vielleicht dorthin gebracht, wo Du heute bist.
Nicht immer gewinnen zu müssen, kann Dich als Führungskraft weiterbringen.
Eine Frage für Deinen nächsten Arbeitstag
Beobachte Dich einmal in Deiner nächsten kontroversen Diskussion.
Nicht mit der Frage:
«Wie kann ich die anderen von meiner Position überzeugen?»
Sondern:
«Was wäre die beste Lösung, wenn es völlig egal wäre, von wem sie kommt?»
Vielleicht verändert allein diese Frage bereits die Diskussion.
Denn wirksame Führung zeigt sich darin Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen gemeinsam weiterkommen.
Wie leicht fällt es Dir, nicht zu gewinnen?
Wie leicht fällt es Dir, als Führungskraft zu sagen:
«Die andere Idee ist besser als meine»?
Gerade solche vermeintlich kleinen Verhaltensmuster haben oft erstaunlich grosse Auswirkungen auf Zusammenarbeit, Vertrauen und die eigene Führungswirkung.
Wenn Du Deine Wirkung als Führungskraft einmal aus einer anderen Perspektive betrachten möchtest, lass uns darüber sprechen.
Mehr über Businessbegleiter und meine Arbeit erfährst du hier → Link
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